Weinerlei
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Herz-Haft
Pimp my wine! , von Felix Woodtli Pimp my wine!

Was haben die grössten Schinken, VW, die besten Radfahrer die taffsten Jupies und die schönsten Model-Stars mit den höchstbenoteten Weinen gemeinsam? Du ahnst es? Alle sind ein wenig aufgemotzt, sei es mit Wasser, Abgastest-Software, Elektromotörchen oder Epo, Koks, Botox oder Silikon, Eichenschnipsel oder E414.

E414 ist eines der vielen Dopings das Winzer und Önologen hilft ihren Wein aufzumotzen. E414 tönt gefährlich, chemisch. Hinter den E-Nummern verbirgt sich aber nur die EU-Normen-Liste für bewilligte Hilfsstoffe im Lebensmittelsektor. E414 wird aus dem Harz von Akazien gewonnen. Es handelt sich um Gummi arabicum. Gummi arabicum gilt als nicht gesundheitsschädlich und darf auch in biologischen Lebensmittel verwendet werden. Es ist ein sogenanntes Polysaccharid, das zum Stamm der Heteropolysacharide gehört und ist neutral bis schwach sauer und wasserlöslich. Bereits die alten Ägypter mumifizierten damit ihre toten Pharaonen auch Lenin stinkt in seinem Mausoleum unter Gummi arabicum vor sich hin. Für was soll Gummi arabicum im Wein nützlich sein? Die zähflüssige Substanz die auch in weisser Pulverform daherkommt verwendet die Lebensmittelindustrie als Aromastabilisator. Im Bier stabilisiert es den Bierschaum, verhindert die Kristallisierung des Zuckers in Gummizeltli und bindet die Farbstoffe. Gummi arabicum stabilisiert also so ziemlich alles. Im Wein sorgt E414 für Geschmeidigkeit und mollige Fülle. Die herben bis leicht bitteren Tannine verlieren ihren adstringierenden Charakter. Sie werden weicher und fetter wahrgenommen. Der Zusatzstoff stabilisiert die Farbe, hilft bei der Stabilisierung von Weinstein und Metallkomplexen und sorgt dafür, dass Wein mit hohen Alkoholprozenten nicht ganz so alkoholisch schmeckt. Außerdem ist er dafür bekannt, das Mundgefühl zu "verbessern". Der Wein wird vollmundig, rund, die Gerbstoffe sanft und harmonisiert. Das ist vielleicht die wichtigste Eigenschaft, denn Gummi arabicum hat unser aller Weingeschmack verändert.

Kritiker sagen, Gummi arabicum mache Wein zu Coca Cola. Mit E414 aufgemotzte Weine bekommen durch die „Wein-Tester“ mehr Aufmerksamkeit, höhere Punkte. Der brancheninterne Übernahme lautete früher auch „Pamela-Wines“, in Anlehnung an die blonde Gummipuppe aus der Baywatch-Serie. Der Markt schreit nach muskulösen, molligen, süssen und jungen Weinen. Die Lagerung interessiert kaum jemand, die Welt der Parfüme die in alten Weinen natürlicherweise entstehen ist eh nur bla, bla, bla. Wir wollen Leben und geniessen, jetzt und das aus dem Vollen. Gummi arabicum ist nicht nur in Industrie-Weinen sondern auch in etlichen der teuersten, höchstbewerteten Weinen der Welt enthalten. Auch Biowinzer nutzen das legale Pimpen mehr und mehr.

Die Problematik von E414: bei einigen Menschen kann es vermutlich gröbere Allergien auslösen. Die versüssten, fetten und doppelt so langen Tanninketten werden durch unsere Rezeptoren nicht als solche erkannt, dem Gehirn wird vorallem Süsse übermittelt, unsere Verdauung ist irritiert und funktioniert suboptimal, als „Tannin-Intoleranz“ bekannt sorgt sie bei empfindlichen Menschen dann für ungewünschte Nebenwirkungen von Hautrötung, Hitze, Trockenheit bis Atemnot.  Fazit: Stopp mit Wein trinken. Als direkte Nebenwirkung verlieren auch die Winzer ihre Kunden. Runde, vollmundige Weine kann man absolut ohne Gummi arabicum herstellen. Dazu braucht es Ethik, Geduld und gesunde, phenolisch reife Trauben. Die herbe Härte des jungen Weines die eine Garantie für harmonischen Altern andeutet wird durch den Einsatz von E414 zerstört. Superweine werden nach kurzer Zeit zur Plörre. Für biodynamische Weine mit Demeter-Zertifizierung ist Gummi arabicum ein absolutes Tabu.

Zum Glück entscheiden sich auch immer mehr kleine Winzer ebenfalls den Weg naturnahe, ungeschönte Weine zu keltern. Eine konsequente Absage an die Methoden der Lebensmittel-Technologie ist auch die einzige Chance die ihnen ein Überleben in einem immer härteren Marktumfeld einigermassen garantieren kann. Noch sind es nur wenige Konsumenten denen Ethik im Wein wichtig ist, es werden aber laufend mehr.