Weinerlei
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Herz-Haft
Der Geschmack der Freiheit , von Michel Gygax Der Geschmack der Freiheit

Essay von unserem Gastautor Rudolf Trossen, biodynamischer Mosel-Winzer der ersten Stunde:

In letzter Zeit bringen neue Begriffe einiges an Verwirrung, in die an Kompliziertheiten schon reiche Weinwelt: An Bio-Wein hat man sich gewöhnt, weiß, dass damit Weine gemeint sind, die nach EU Bio-Richtlinien erzeugt und verarbeitet sind. Aber nun redet man viel von Spontangärung, Orange-Wein, Amphoren-Wein und Natur-Wein. Alle diese Begriffe werden von fachlich nicht immer ganz sattelfesten Autoren munter durcheinander gewirbelt.

Am Anfang der Weinkultur, deren Beginn man etwa 6 000 Jahre vor Chr. oder gar noch früher, in den einst waldreichen Gebieten zwischen Ararat, Georgien und dem Hindukusch vermutet, wurde der Wein nur aus Trauben bereitet. Dass später in Griechenland und Rom, ja bis in die Neuzeit hinein der Wein mit allerlei Zutaten, wie Kräutern und Gewürzen, Wasser, Honig, Harz, Asche, ja sogar Blei vermischt wurde, wissen wir aus antiken Quellen. Wir trinken ja heute noch gern Glühwein, Punsch und Bowle.

Die ersten Weinbauern haben, vermutlich angeleitet von weisen Männern und Frauen aus geistigem Umfeld, die Wildform der Rebe, die lianenartige Waldrandbewohnerin Vitis silvestris, nach und nach kultiviert, veredelt und deren Früchte überhaupt erst groß, süß und schmackhaft gemacht. Die Rebe ist eine der ältesten Kulturpflanzen und möglicherweise zeitgleich oder gar früher mit den Getreidearten Einkorn und Emmer mit ähnlichen Kulturtechniken aus vorgefundenen Wildformen gezüchtet worden. Somit stehen Brot und Wein real und symbolhaft für die neolithische Revolution, den Fortschritt von Natur zur Kultur und kennzeichnen somit den Beginn der modernen kulturellen Menschheitsentwicklung. 

Die reifen, saftstrotzenden Beeren wurden einst mit den Füßen zerquetscht und mit Schalen und Stielen in ein in den Erdboden eingelassenes Tongefäß gefüllt und verblieben dort bei langsamer Gärung mehrere Monate. Der beispielsweise für religiöse Feste zu Ehren des Wein- und Vegetationsgotts Dionysos herausgeschöpfte Wein war durch den langen Kontakt mit den Schalen, Stielen und ihren Säuren ganz orange geworden und dadurch vor zu früher Oxydation geschützt, stabil und langlebig.

Der ursprüngliche Wein war also ein Bio-Wein, weil ohne naturfremde Stoffe erzeugt, er war ein Orange-Wein, weil mit den Schalen vergoren, somit spontan-vergoren, weil ohne zugesetze Hefen und war ein Naturwein, also ohne Beimischungen und Behandlungen aller Art wie Schönung oder Schwefelung.

Heute ist die urtümliche Weinbereitung in verschiedene Traditionen und Varianten übermittelt, mehrheitlich noch handwerklich geprägt, aber auch zunehmend technisch standardisiert und industrialisiert. Meist begleitet von diversen Zutaten und Eingriffen im Rahmen bestehender Gesetze. Es gibt eine Vielzahl die natürliche Weinwerdung korrigierender und lenkender Maßnahmen, wie die vom Zucker- oder Saftkonzentrat-Zusatz zur Alkoholerhöhung oder Zusätzen zur Säureminderung oder Erhöhung, der Verwendung von Enzymen, Zuchthefen und verschiedenen Schönungs- und Konservierungsmitteln, bis hin zur sterilen Filtration, um auch Weine mit natürlicher Süße haltbar machen zu können. Darüber wird nicht gerne geredet, weil der Mythos des Reinen und des Natürlichen den Wein umschwebt, ähnlich dem Reinheitsgebot beim Bier und die Weinindustrie das gerne auch so belassen möchte.

Die Liste der erlaubten Maßnahmen und Zusätze ist erstaunlich lang, für Laien schwer verständlich und nicht immer leicht auffindbar. Viele Konsumenten wollen das aber auch gar nicht so genau wissen, andere sehr wohl. Es ist ohne Zweifel richtig, dass es Möglichkeiten der Korrektur geben muß, weil die natürlichen Rahmenbedingung nicht immer so günstig sind, dass eine Weinwerdung quasi von selber sauber und störungsfrei gelingt und das Terroir zum Klingen bringen kann. Das Problem liegt einerseits im richtigen Maß: Was, wann und wie viel an Korrektur ist nötig, ohne dass der Wein gestresst, überformt und gesichtslos wird und andererseits, in nicht immer ausreichender Transparenz, ob dieser Eingriffe, dem fragenden Genießer gegenüber. 

In Vino Veritas? Bei den Weinen aus sogenannt ökologischer Erzeugung gibt es seit ein paar Jahren auch EU-Richtlinien für die Kellerwirtschaft. Die Zahl der Maßnahmen und Zusätze ist gegenüber dem normalen Weinbau reduziert. Die Verbände wie Ecovin, Bioland oder Demeter haben noch engere Richtlinien. Aber selten ist Biowein natural, also ganz ohne Zusätze, oder orange, also mit Schalenkontakt vergoren. Nicht jeder Orange-Wein, stammt aus ökologischer Erzeugung und ist ohne Zusätze. Man findet Weine auf dem Markt, die mehr oder weniger konventionell angebaut wurden, also mit Verwendung von synthetischen, salzhaltigen Stickstoffdüngern und einer Vielzahl Agrar-Chemikalien inklusive Herbiziden und mit Hilfe von Zuchthefen auf den Schalen vergoren wurden, also von Farbe und Charakter her Orange-Weine sind. Oft werden diese Weine, wenn auch in kleinen Dosen, geschwefelt, kommen aber wegen der orangenen Farbe und dem charakteristischen Gerbsäuregehalt mit dem Nimbus des Natürlichen daher.  All das macht die Sache einigermaßen unübersichtlich. Zusätzlich erschwert der Gesetzgeber die Lage, weil er verlangt, dass auch Weine, denen keinerlei Sulfite zugesetzt wurden, trotzdem den Zusatz „enthält Sulfite“ auf dem Etikett tragen müssen, wenn sie von Natur aus mehr als 10 mg/l Gesamt-Schwefel  enthalten. Dass dieser Schwefel nicht vom Winzer zugefügt wurde und auch keinerlei stabilisierende oder geschmackliche Wirkung hat, interessiert den Gesetzgeber bis dato nicht. Den einen oder anderen Weinfreund aber sehr wohl. Hier wäre mehr Transparenz zur Orientierung der Verbraucher wünschenswert. Wir Bio-Winzer hätten nichts dagegen, wenn auf jedem Etikett aufgelistet wäre, was dem Wein zugesetzt wurde und welche Verfahren er durchlaufen hat. In Vino Veritas!

Da in weiten Teilen der Weinwelt häufig mit denselben Methoden und Maschinen an- und ausgebaut wird, ähnliche Hefen geschmacksbildend zum Einsatz kommen, wenden sich in letzter Zeit vermehrt, vor allem jüngere Sommeliers und Weinfreunde gelangweilt von einer gewissermaßen globalisierten Wein-Stilistik ab, die standardisierte, feingeschliffene und polierte Weine präsentieren, die die Geschichte ihres Ursprungs kaum erzählen können. Natürlich haben diese Weine für den schnellen Massenkonsum ihre Berechtigung auf dem Weinmarkt, aber besagte Weinenthusiasten wollen Weine mit mehr Charakter und Individualität, und machen sich auf die Suche nach dem Unverwechselbaren, dem Authentischen, dem tatsächlich von der Örtlichkeit, dem Terroir und der Winzerpersönlichkeit geprägten Geschmack. Offensichtlich finden sie das, was sie suchen, eher bei handwerklich und biologisch arbeitenden Weingütern.

In Georgien ist die Tradition der Maischegärung in Amphoren ja nie ganz abgerissen und auch in Europa haben sich zuerst in Frankreich, im Friaul, Slowenien, dann in Österreich und nun auch in Deutschland, einzelne Winzer wieder verstärkt den uralten Weinerzeugungs- traditionen zugewandt. Es herrscht eine gewisse Vielfalt an traditionellen Wein-Stilen und Methoden. Einig sind die Winzer aber in einer ausgeprägten Zurückhaltung gegenüber vielen heute standartmäßig vorgenommen Eingriffen und Zusätzen. In Frankreich gibt es seit einigen Jahren bei der Assocation Vins Naturell verbindliche Regelungen, was unter natürlichem Wein zu verstehen ist. Der Anbau im Weinberg ist immer biologisch oder biodynamisch. Alle Trauben sind handgelesen, vergären spontan ohne Reinzuchthefe,  es wurden keine Schönungsmittel zugesetzt, und wenn überhaupt, dann nur einen Hauch von Schwefel beim Abfüllen. Die Veranstaltungen, die sich dem Thema widmen nehmen sprunghaft zu. Mehr als 60 Salons dieser Art gab es 2015 alleine in Frankreich. Der Erfolg ruft natürlich Kritiker auf den Plan. Einige Blogger reagieren geradezu mit Abscheu auf unbehandelte Weine, bejammern den Untergand des Abendlandes und das Ende aller Weinkultur. Tatsache ist sicher, dass nicht alle Winzer auf Anhieb das Prinzip der losen Lenkung meisterlich handhaben können und es gelegentlich, gerade bei Quereinsteigern auch Weine gibt, die man ruhig als misslungen bezeichnen kann. Muss man nicht trinken. Es gibt auch viel Langeweile in Flaschen auf Winzerfesten und in Supermärkten. Aber die Natur-Wein-Bewegung als Mode gelangweilter Stadtneurotiker zu bezeichnen geht völlig an der Sache vorbei und zeugt nur von beschränktem Horizont, viel Ignoranz und wenig Sachkunde. Der Wein-Purismus, das Beschränken auf das Wesentliche, wird bleiben. In der Küche ebenso wie im Keller. 

Wein ist das Getränk der Freiheit. Ein anregendes und inspirierendes Genussmittel, das in erster Linie Freude in die Herzen der Menschen bringen soll. Es soll zu gemeinsamem Genuss einladen, zu Gespräch und Begegnung bewegen und keine neuen Gräben zwischen Menschen aufreißen. Dionysos, Gott des Weines, hat seine Gabe nicht in die Welt gebracht, um die Menschen zu bevormunden und neue Verbote und Dogmen in die Welt zu bringen, sondern um die persönliche Freiheit des Menschen durch die Steigerung der individuellen Erlebnismöglichkeiten, durch Tanz, Theater, Rausch und Ektase überhaupt erst möglich zu machen. Das war in alter Zeit, als die Menschen durch Blut und Boden, Sippe und Familie, Traditionen und Verbote arg eingeschränkt waren, ein sehr fortschrittlicher, revolutionärer Akt der Anarchie. Wer immer heute noch dem Wahn verfallen ist, sich berufen fühlt, erwachsenen Menschen Vorschriften bezüglich ihres Lebenswandels oder Genussvorlieben machen zu müssen, ist dagegen aus der Zeit gefallen, ein lebendes Fossil, ein Anachronismus. Er hat einfach noch nicht genug guten Wein gekostet, um weise zu sein und zu wissen, wie die Freiheit schmeckt: In Vino Libertas! 

www.trossenwein.de